iLearn oder rettet der Laptop die Schulen?

Vor ein paar Tagen bekam ich einen Link zu einem sehr interessanten Film und Artikel über eine Mittelschule in der Bronx getwittert. Die CIS 339 wurde auf Initiative des neuen Schulleiters Jason Levy in das „iLearn“ Programm des New York City Deptartment of Education aufgenommen und bekam im September 2006 eine große Anzahl an Laptops für Schüler und Lehrer. Nach einen Trainingsprogramm wurden die Laptops direkt im Unterricht eingesetzt. Der Erfolg war erstaunlich, stand die Schule vorher noch kurz vor der Schließung, ist sie nun eine echte Vorzeigeschule. Die Leistungen der Schüler haben sich erheblich verbessert und der Schulalltag und das Lernen haben sich gewaltig verändert.

Film und Artikel

Obwohl ich als Medienpädagoge natürlich begeistert von dieser Art des Lernens bin, habe ich, wie viele andere, auch eine leicht ambivalente Position zu diesem Thema und ich bin nicht von allen neuen Technologien und Anwendung restlos überzeugt. Natürlich ist der Laptop nicht das Allheilmittel, um lernmüde und gelangweilte Schüler wieder ins Boot zu holen, aber es ist und bleibt ein hervorragender Ansatz. Ich glaube es geht nicht um die Frage, ob man technische Entwicklungen einsetzen muss, um den Unterricht interessanter zu gestalten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass im Vergleich zum Frontalunterricht und dem Lernen wie vor 30 Jahren, jede Art von anderem Unterricht mich mehr motiviert und stärker mein Interesse geweckt hat.

Spielzeug oder Werkzeug?

Das ist genau die Frage, die Lehrer gerne sofort stellen. Nein, der Laptop und das Internet sind kein Spielzeug. Und selbst wenn wir es als Spielzeug begreifen würden,Jason Levy wäre das nicht wirklich dramatisch. Im Spiel lernen Kinder und auch Jugendliche schnell und nachhaltig. Eltern und Lehrer sollten die mediale Welt von heute aber eher als Werkzeug sehen. 

Gehen andere Fähigkeiten verloren?

Klar will niemand Kinder, die ihr Leben ausschließlich über die Tastatur gestalten. Und niemand will Jugendliche, die nicht mehr in der Lage sind, mit einem Stift einen Text zu Papier zu bringen. Ok, und dass sie ab und an mal ein echtes Buch lesen, würden wir uns schon wünschen. Natürlich müssen die grundlegenden Dinge weiter eine wichtige Rolle im Schulalltag spielen. Lesen, Schreiben, Rechnen, soziales Miteinander, Diskussionen, Gruppenarbeit und vieles mehr sind wichtig und dürfen auch im digitalen Zeitalter nicht aus den Augen verloren werden. Dieses „Basiswissen“ geht mit dem Einsatz neuer Technologien nicht verloren (auch wenn uns das einige Lehrer hartnäckig einreden wollen). Es wird nur auf eine andere Ebene verschoben – eben mit neuen Werkzeugen bearbeitet.

Noch ein Wort zu den Eltern und deren Sorgen. Kinder und Jugendliche verbringen genau so viel Zeit vor dem PC, wie sie auf der anderen Seite keine Alternativen geboten bekommen. Klingt komisch, ist aber so. Und ich kenne viele Grundschulkinder, die noch nie eine Bibliothek von innen gesehen haben oder einen Fußball nur aus dem Fernsehen kennen.

Multitaskingfähigkeit – Fluch oder Segen?

Kinder und Jugendliche erfassen heute technische Dinge unglaublich schnell und ihre Fähigkeit, verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun ist beeindruckend (nehmen Sie nur einmal eine ganz normale Chat-Kommunikation). Auf der anderen Seite haben sie oft erhebliche Defizite, was die Konzentration oder das längere Arbeiten an einem Thema betrifft. Ebenso erlebe ich es oft, dass Schüler mit den im Internet angebotenen Ergebnissen nur schwer etwas anfangen können, wenn es sich um lange Texte handelt oder es Seiten sind, auf denen man zunächst etwas suchen muss, um das gewünschte zu finden. Ob all dies in einen Zusammenhang steht, vermag ich nicht zu beurteilen, ich glaube aber eher, das dies ein allgemeines Problem ist, über dessen Ursachen ich jetzt auch nichts tiefgründiges sagen könnte. Ich glaube hier gilt es einfach, eine gute Balance zu finden.

Laptops einfach nur hinstellen?

Nein, um Laptops zielgerichtet im Unterricht einzusetzen bedarf es zunächst Überlegungen, wie und in welchem Fach der Einsatz erfolgen soll. Sie müssen fest im Unterrichtsplan verankert werden und selbstverständlich im Kontext mit anderen Lehr- und Lernformen stehen. Das Schöne ist, dazu muss man sich noch nicht einmal etwas Neues einfallen lassen – Konzepte und Beispiele findet man im Internet genug.

Mein Fazit

Wenn ich vor der Wahl stehen würde, ob mein jüngster Sohn (10) auf eine Schule mit Laptops oder eine old-school-school gehen sollte, wüsste ich wie ich mich entscheiden würde.

E-Mail-Interview mit Prof. Michael Rotert

Genau 25 Jahre nach der ersten Mail, die Prof. Michael Rotert damals empfangen hat, hatte ich die Chance ihn kurz zum Thema E-Mail, Schule und Internet per Mail zu befragen.

Jörg Ruckel: Unbestritten haben E-Mails die Kommunikation und das Arbeitsleben nachhaltig verändert. In meiner täglichen Praxis werde ich oft mit Lehrern konfrontiert, die auch der E-Mail sehr unaufgeschlossen entgegentreten. „Die Sprache verkümmert“, „die face-to-face-Kommunikation geht verloren“ und  „E-Mails sind im schulischen Lernen unnötig“ sind häufige Aussagen. Für Sie, der beruflich und in Forschung und Lehre täglich mit dem Kommunikationsmedium zu tun hat (und die Entwicklung von Anbeginn erlebt hat), was würden Sie diesen Lehrern entgegenbringen?

Prof. Michael Rotert: Das erinnert mich an die gleiche Argumentation wie früher, als das Fernsehen neu war: Das verdummt, macht die Augen schlecht, etc. etc. Wenn man mit einer Technologie nicht zurechtkommt, mag man sie nicht und sucht nach allen nur denkbaren Argumenten, um diese Aversion zu stützen. Tatsache ist aber, dass wir und auch die Sprache einer ständigen Entwicklung unterliegt und sich in frühen Zeiten schon aufgeregt haben, wegen der vielen französischen Vokabeln in der deutschen Sprache (Friseur, Trottoir etc. etc.). Heute sind es die englischen Anteile (denglisch) oder die Sprache bei Mail. Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, man darf dies aber nicht verteufeln (hat in meiner Jugend schon nichts gebracht), sondern muss dies als Chance betrachten. Gerade von Senioren höre ich, dass sie mit ihren Kindern und Enkeln wieder richtigen Kontakt haben, nachdem sie täglich kurz mailen oder Fotos schicken. Wohlgemerkt, Leute die mit 70 noch neu einsteigen in die Materie. Lehrern, die wie o.a. argumentieren, kann man eigentlich nur die Befähigung für ihren Beruf absprechen, denn gerade sie sollten die Kinder lehren, mit dem Medium korrekt umzugehen. Wer aber das Medium nicht verstanden hat……

Ich fürchte aber prinzipiell, dass solange die PHs und Unis die Lehrer nicht auch in Medienkompetenz ausbilden, diese keine Anhaltspunkte haben, wie man das vermitteln kann. Man muss dann eigentlich auf die nächste Generation von Hochschullehrern rechnen.


Jörg Ruckel: Nicht nur auf politischer Ebene sondern auch unter Lehrern und Eltern wird vorrangig darüber diskutiert, dass das Internet vielfältige Risiken für Kinder und Jugendliche bietet. Ich gehöre zu den Pädagogen, die zunächst Wissen um Chancen und Möglichkeiten vermitteln. Auch aus Ihrer Erfahrung heraus, wo liegen die Chancen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lernen an Schulen und Hochschulen?

Prof. Michael Rotert: Jede Autostraße bietet Risiken, die Kinder müssen lernen, damit umzugehen, denn fernhalten kann man sicher nicht alles Üble.Das ungeheure Wissen, welches jedem Internetteilnehmer zur Verfügung steht, erlaubt eigentlich der Schule schon sehr frühzeitig die Kinder recherchieren zu lassen und dies vorzutragen. Damit kann die ART VON LERNEN, DIE IM STUDIUM NOTWENDIG IST EIGENTLICH SCHON SEHR FRÜH EINGEFÜHRT WERDEN, bzw. zum selbstständigen Lernen erzogen werden. Die Allgemeinbildung wird es danken! Weiterhin gibt es heute schon Programme mit Erfolgskontrolle für viele schulische Bereiche (sogar Sport), so dass im günstigsten Fall das Internet die Nachhilfe ersetzen kann – auf jeden Fall können Dinge im Krankheitsfall nachgelernt werden. Wenn man den Umfang der im Internet verfügbaren Information betrachtet, dann überwiegen ganz klar die positiven Inhalte. Plakativ gesprochen, wegen 3 toten Autofahrern wird keine Straße geschlossen. Kinder vor allem Übel behüten, gaukelt diesen eine heile Welt vor, die es so einfach nicht gibt – natürlich auch nicht im Internet. Was passiert denn einem Erwachsenen, wenn er die ganzen Kinderkrankheiten erst im Alter bekommt, nur weil die Eltern es vor diesen Krankheiten um jeden Preis geschützt haben?

Professor Michael Rotert ist unter anderem Gründungsmitglied der Internet Society und von DENIC, Vorstandsvorsitzender des eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V., Präsident von EuroISPA sowie als Gutachter für die Europäische Kommission, UN und US Dept. of Commerce tätig.