E-Mail-Interview mit Prof. Michael Rotert

Genau 25 Jahre nach der ersten Mail, die Prof. Michael Rotert damals empfangen hat, hatte ich die Chance ihn kurz zum Thema E-Mail, Schule und Internet per Mail zu befragen.

Jörg Ruckel: Unbestritten haben E-Mails die Kommunikation und das Arbeitsleben nachhaltig verändert. In meiner täglichen Praxis werde ich oft mit Lehrern konfrontiert, die auch der E-Mail sehr unaufgeschlossen entgegentreten. „Die Sprache verkümmert“, „die face-to-face-Kommunikation geht verloren“ und  „E-Mails sind im schulischen Lernen unnötig“ sind häufige Aussagen. Für Sie, der beruflich und in Forschung und Lehre täglich mit dem Kommunikationsmedium zu tun hat (und die Entwicklung von Anbeginn erlebt hat), was würden Sie diesen Lehrern entgegenbringen?

Prof. Michael Rotert: Das erinnert mich an die gleiche Argumentation wie früher, als das Fernsehen neu war: Das verdummt, macht die Augen schlecht, etc. etc. Wenn man mit einer Technologie nicht zurechtkommt, mag man sie nicht und sucht nach allen nur denkbaren Argumenten, um diese Aversion zu stützen. Tatsache ist aber, dass wir und auch die Sprache einer ständigen Entwicklung unterliegt und sich in frühen Zeiten schon aufgeregt haben, wegen der vielen französischen Vokabeln in der deutschen Sprache (Friseur, Trottoir etc. etc.). Heute sind es die englischen Anteile (denglisch) oder die Sprache bei Mail. Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, man darf dies aber nicht verteufeln (hat in meiner Jugend schon nichts gebracht), sondern muss dies als Chance betrachten. Gerade von Senioren höre ich, dass sie mit ihren Kindern und Enkeln wieder richtigen Kontakt haben, nachdem sie täglich kurz mailen oder Fotos schicken. Wohlgemerkt, Leute die mit 70 noch neu einsteigen in die Materie. Lehrern, die wie o.a. argumentieren, kann man eigentlich nur die Befähigung für ihren Beruf absprechen, denn gerade sie sollten die Kinder lehren, mit dem Medium korrekt umzugehen. Wer aber das Medium nicht verstanden hat……

Ich fürchte aber prinzipiell, dass solange die PHs und Unis die Lehrer nicht auch in Medienkompetenz ausbilden, diese keine Anhaltspunkte haben, wie man das vermitteln kann. Man muss dann eigentlich auf die nächste Generation von Hochschullehrern rechnen.


Jörg Ruckel: Nicht nur auf politischer Ebene sondern auch unter Lehrern und Eltern wird vorrangig darüber diskutiert, dass das Internet vielfältige Risiken für Kinder und Jugendliche bietet. Ich gehöre zu den Pädagogen, die zunächst Wissen um Chancen und Möglichkeiten vermitteln. Auch aus Ihrer Erfahrung heraus, wo liegen die Chancen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lernen an Schulen und Hochschulen?

Prof. Michael Rotert: Jede Autostraße bietet Risiken, die Kinder müssen lernen, damit umzugehen, denn fernhalten kann man sicher nicht alles Üble.Das ungeheure Wissen, welches jedem Internetteilnehmer zur Verfügung steht, erlaubt eigentlich der Schule schon sehr frühzeitig die Kinder recherchieren zu lassen und dies vorzutragen. Damit kann die ART VON LERNEN, DIE IM STUDIUM NOTWENDIG IST EIGENTLICH SCHON SEHR FRÜH EINGEFÜHRT WERDEN, bzw. zum selbstständigen Lernen erzogen werden. Die Allgemeinbildung wird es danken! Weiterhin gibt es heute schon Programme mit Erfolgskontrolle für viele schulische Bereiche (sogar Sport), so dass im günstigsten Fall das Internet die Nachhilfe ersetzen kann – auf jeden Fall können Dinge im Krankheitsfall nachgelernt werden. Wenn man den Umfang der im Internet verfügbaren Information betrachtet, dann überwiegen ganz klar die positiven Inhalte. Plakativ gesprochen, wegen 3 toten Autofahrern wird keine Straße geschlossen. Kinder vor allem Übel behüten, gaukelt diesen eine heile Welt vor, die es so einfach nicht gibt – natürlich auch nicht im Internet. Was passiert denn einem Erwachsenen, wenn er die ganzen Kinderkrankheiten erst im Alter bekommt, nur weil die Eltern es vor diesen Krankheiten um jeden Preis geschützt haben?

Professor Michael Rotert ist unter anderem Gründungsmitglied der Internet Society und von DENIC, Vorstandsvorsitzender des eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V., Präsident von EuroISPA sowie als Gutachter für die Europäische Kommission, UN und US Dept. of Commerce tätig.


Geschichte der Email

Am 3. August 1984 wurde in Deutschland die erste Email empfangen. Michael Rotert von der Universität Karlsruhe (TH) empfing unter seiner Adresse „rotert@germany“ eine Grußbotschaft der US-amerikanischen Plattform CSNET: „Willkomen bei CSNET.“erstemail

Bereits 1971 hatte der Ingenieur Raymond Samuel Tomlinson die Idee, das sich Menschen über ihren Computer Nachrichten schicken könnten. Eine gute Idee, aber Computer wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Computer waren damals groß wie Kleiderschränke und die Bedienung war nicht unbedingt einfach.

Raymond Tomlinson arbeitete damals bei Bolt Beranek and Newman (BBN). Die Firma soll für das Verteidigungsministerium das Computernetz Arpanet aufbauen – Das Netz, aus dem dann das Internet werden sollte. Er braucht einige Stunden bis das Programm fertig geschrieben ist, mit dem man Emails schreiben, lesen und verschicken kann. Und er steht vor einem Problem: Wie soll er den Benutzer und den Rechner auseinanderhalten? Er braucht ein Zeichen, das in keinem Namen vorkommt. Tomlinson entscheidet sich für das @-Symbol und gibt sich die erste Email-Adresse tomlinson@bbntenexa. Kein .com, kein .org – weil das wird erst später erfunden.

Dann verschickt er die erste Email in der Geschichte. Von einem Computer zu einem anderen – beide standen in einem Zimmer, verbunden über das Arpanet. Was in der Mail stand weiß er nicht mehr – es waren zunächst verschiedene Testmails. In einer Mail an verschiedene andere Nutzer des Arpanets erklärte er dann die Verwendung des @-Zeichens. Das aus dieser Idee und dem ersten Einsatz heute die wichtigste Kommunikationsanwendung werden sollte, hat er sich nicht träumen lassen. Heute werden täglich Milliarden Emails verschickt und die Email hat das Arbeitsleben und die Kommunikation nachhaltig verändert.

In diesem Jahr wurde Raymond Tomlinson als „Vater“ der Emails mit dem Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet. Mit der Erfindung hat er die Welt der Kommunikation revolutioniert, erklärte die Jury.